Selbst in den abgelegensten Regionen Nordportugals hat man selten das Gefühl, der einzige Ausländer zu sein. So erging es mir allerdings beim Besuch der Vindouro in Sao Joao da Pesqueira. Beim Lesen des Port-Blogs stolperte ich darüber und beschloss, mir dieses abgeschiedene Weinevent mal anzuschauen.
Über die Eisenbahnfahrt von Porto nach Pinhao (und weiter) ist schon viel geschrieben worden, aber jeder, der dies noch nicht gemacht hat, sollte die 16 EUR (24 EUR für die erste Klasse) für die Hin- und Rückfahrt investieren. Hier genießt man atemberaubende Natureindrücke, die nicht nur Portweinliebhaber in Staunen versetzen.Wem beim Fliegen schlecht wird, der sollte auch vor einer Taxifahrt im Dourotal eine Tablette einwerfen. Die Fahrer wirken entspannt, scheinen aber auf jeder Fahrt ihre persönliche Bestmarke einstellen zu wollen. Meist wird auch die alte Fahrschulregel „beide Hände am Steuer“ beherzigt, was eine extrem digitale Fahrweise zur Folge hat. Auch eine freundliche Aufforderung, etwas langsamer zu fahren, scheitert in der Regel an der „language barrier“; im Dourotal sprechen die Einheimischen fast ausschließlich portugiesisch.
Nachdem man dann sein Leben einige Male an sich vorbeiziehen sah, erblickt man Sao Joao da Pesqueira ein kleines, sauberes und sehr freundliches Dörfchen, welches den Anschein erweckt, dass es sich auf die Präsidentenwahlen vorbereitet: An jedem möglichen Mast hängt eine Fahne des Vindouro. Kein Zweifel: hier ist es.Das Vindouro-Festival dreht sich zwar um den Wein der Region, jedoch ist der gesamte alte Marktplatz festlich geschmückt. Man versucht hier die Zeit auf die des Marques de Pombal zurückzudrehen (1699-1782). Toll geschmückte Schauspieler gaukeln und spielen altertümliche Lieder auf sehr antik wirkenden Instrumenten. Wenn – wie bei uns – das Wetter mitspielt, springt dieses Flair auch aufgrund der überwiegend sehr altertümlich wirkenden Gebäude sofort über.
Keine Sekunde vor der geplanten Zeit geht dann die „Weinshow“ los. Man bezahlt 2 (in Worten: zwei) EUR am Eingang und empfängt ein Verkostungsglas. Auf Nachfrage wurde uns erklärt, dass man durch den „Eintrittpreis“ die nicht wirklich am Wein interessierten Schaulustigen fern halten möchte. Anscheinend gelingt dies, denn obwohl es außerhalb des Gebäudes recht betriebsam zugeht, herrscht drinnen eine sehr gemütliche Atmosphäre.
Die Halle ist entsprechend einer Messehalle sehr übersichtlich angelegt und die Aussteller präsentieren sich freundlich und meist auch mit ihren besten Erzeugnissen. Man sollte hier nicht vermuten, alle namhaften Portweinproduzenten anzutreffen. Der besondere Reiz liegt vielmehr darin, die weniger bekannten Gesichter der Region zu probieren.
Die Qualität der ausstellenden Personen ist sehr heterogen: Vom Inhaber persönlich bis hin zum einfachen Studenten, der von den ausgestellten Produkten überhaupt keine Ahnung hat. Sehr freundlich wird man an jedem Stand eingeladen, die vorhandenen Weine zu verkosten. Leider haben einige Aussteller im Vorfeld nicht auf eine entsprechende Kühlung geachtet, so dass sich einige Weine mit der Umgebungstemperatur von ca. 23 Grad präsentierten.
Die Verkostungen im Einzelnen:Churchill Graham 10y old: sehr klare rötlich-braune Farbe, gute Nase. Mundfüllend, sehr aromatisch. Guter Abgang. Schöner 10y old.
Churchill Graham LBV 2000: Churchill stellt ausschließlich unfiltered LBVs her, dies ist aber – wie bei Niepoort – nicht auf dem Etikett vermerkt. Rötliches Braun ohne Reflexe. Im Bukett Pflaumen und Alkohol. Am Gaumen fruchtig (Pflaume, rote Beeren). Langer Abgang; sehr guter LBV mit mittlerem Alterungspotential.
Quinta Vale Dona Maria Vintage Port 2002: Sehr tiefe Farbe, fast schwarz. Struktur scheint ein wenig dünn. In der Nase eine starke sehr angenehme Konfitürennote. Am Gaumen unerwartet konzentriert. Alkohol und Tannine in sehr guter Konzentration vorhanden. Hat alles für ein mittellanges Leben. Guter Abgang, toller Wein. Auf einen solchen Vintage Port aus einem doch sehr bescheidenen Jahr kann Sandra Tavares durchaus stolz sein!
Quinta das Tecedeiras Vintage Port 2003 : Diesen Hersteller kannte ich bisher gar nicht. Der Wein war leider ein wenig zu warm, zeigte sich jedoch mit schwarzroter Farbe und guter Struktur. In der Nase Pflaumengelee. Im Mund eine gute Intensität mit gut stützender Struktur. Mittellanger Abgang. Kein schlechter Wein.Quinta das Tecedeiras Vintage Port 2004 : Rubinrote, tiefe Farbe. Dieser Wein präsentiert sich erwartungsgemäß frischer und fruchtiger als sein Bruder aus dem generell deklarierten Jahr. Gute Konsistenz. Nase noch sehr verhalten. Gaumen sehr fruchtig. Allerdings lässt der Wein für einen Vintage Port ein wenig Tiefe vermissen. Eher ein sehr guter ungefilterter LBV als ein Vintage Port. Leider war kein Mitarbeiter zu sehen, so dass ich noch nach weiteren Informationen suche…
Quinta de Roriz Vintage Port 2003: Tiefdunkles Rot, keine Reflexe. Mittlere Struktur. Nase sehr fruchtig : Cassisnote. Am Gaumen samtig, guter Alkohol und gut stützende Tannine; erwartungsgemäß nicht eingebunden. Mittellanger Abgang. Guter Vintage Port.
Borges LBV 2001: Dies war einer der Weine, die leider viel zu warm präsentiert wurden. Ohne Bewertung.
Quinta Nova de Nossa Senhora do Carmo LBV 2003: Gute schwarzrote Farbe, gute Struktur. Auch leider zu warm, aber trotzdem war erkennbar, dass es sich um einen konzentrierten Wein handelt. Paula Souza hat mir einige Flaschen mitgegeben, die ich noch mal verkosten muss.
Wine Cluster - Porto Solene: Ein völlig neues Konzept im Dourotal. Weg vom Schwerpunkt Tradition hin zum innovativen Design mit sehr ansprechenden Flaschen und einem soliden Wein. Es gibt nur einen Tawny und einen Ruby und nur in 0,5l- bzw. Magnumflaschen. Der Tawny präsentiert sich rotgolden, wirkt optisch zwischen einen 10- und einem 20-jährigen anderer Hersteller. Die Nase ist recht verhalten, aber der Gaumen bestätigt den optischen Eindruck: von der Aromenfülle irgendwo zwischen 10 und 20 Jahren, jedoch der Abgang ist ein wenig kurz. Der Ruby verfügt über eine tiefdunkle Farbe mit guten Reflexen. Sehr gute, komplexe Nase, definitiv auf LBV-Niveau. Toller Gaumen, komplex mit guten Fruchtnoten und stützendem Alkohol. Der Abgang wird vom Alkohol ein bisschen zu stark überlagert. Trotzdem ein sehr guter Wein! Der Eigentümer der Firma, Cristóvão de Oliveira e Sousa ist ein sehr sympathischer Visionär. Alles Gute für dieses Konzept!
Einen sehr würdigen Abschluss fand das Festival im Abendempfang auf dem beeindruckenden Anwesen der Real Compañia Velha. Hier wurde im festlichen Rahmen ein tolles Abendessen mit zeittypischen Vorführungen und musikalischer Begleitung organisiert. Fazit: Insgesamt eine Reise wert, da man Portweinhersteller kennen lernen kann, die Reisen zu größeren bzw. internationalen Messen (meist aus Kostengründen) nicht durchführen und man völlig ungezwungen mit den Herstellern oder oft versierten Mitarbeiter sprechen kann und keiner den Abschluss größerer Geschäfte als Ziel der Veranstaltung hat. Die einzige Frage, die für mich offen bleibt: was ist eigentlich das Ziel dieser Veranstaltung?
Organisiert wurde die Veranstaltung von essencia do vinho (essenciadovinho.com).
(Den Autor erreichen Sie unter axelprobst@worldofport.de)


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