Foto und Artikel von Dr. Peter Reutter
Das Wort Solera hat wohl jeder schon einmal gehört, allerdings in der Regel im Zusammenhang mit Sherry. Diese Herstellungsmethode leitet ihren Namen vermutlich vom Spanischen Wort „Suelo“ für Boden ab, womit die unterste der vielen Fassreihen bezeichnet wird. Aus dieser untersten Reihe wird regelmäßig eine bestimmte Menge Wein entnommen und aus der darüber liegenden Reihe nachgefüllt. So wird jede Reihe mit Wein aus der nächsthöheren Reihe vermischt, bis hin zur obersten Reihe. Diese bezieht ihren Wein aus der Kinderstube, der „Criadera“, einer Art Vorsortierung für jungen Wein, bevor dieser in die Solera kommt. Natürlich muss eine Solera nicht wirklich in Reihen übereinander liegen, und sehr oft tut sie dies auch gar nicht mehr. Früher war es der Regelfall, um die Schwerkraft zum Umfüllen des Weines auszunutzen. Heute, im Zeitalter der elektrisch angetriebenen Pumpen, sind die einzelnen Stadien einer Solera nicht selten über die ganze Bodega verteilt. Der Wein wird dann mittels langer Schläuche umgefüllt. In vielen Soleras durchläuft der Wein in nur drei oder fünf Jahren den Reifungsprozess, das Ergebnis ist dann entsprechend durchschnittlich. In den Prestige-Soleras der einzelnen Bodegas dagegen ruht der Wein oft zwanzig oder dreißig Jahre, manchmal noch länger. Als mathematische Näherung für das durchschnittliche Alter eines Soleraweines gilt dabei der reziproke Wert der Entnahmemenge, d.h. der Wein einer Solera, von der jährlich ein Zwanzigstel entnommen wird, hat ein Durchschnittsalter von zwanzig Jahren.
Was hat dies nun mit den Madeira-Soleras zu tun? Vorneweg soll gesagt sein, dass Madeira-Soleras nach EU-Recht nicht mehr erlaubt sind. Streng genommen wurden sie auch nicht verboten. Allerdings wurden sie im Rahmen der Beitrittsverhandlungen Portugals zur EU schlichtweg vergessen. Somit dürfen zwar die Restbestände noch abverkauft werden, aber die Neuanlage von Soleras lohnt sich nicht, da deren produzierter Wein nicht verkauft werden darf. Aber dies soll nur als juristische Haarspalterei am Rande erwähnt sein. Der Hauptunterschied liegt in der Vermischungsmethode des Weines. Im Gegensatz zum „continuous flow“-Verfahren der Sherry-Soleras handelt es sich bei Madeira-Soleras um einen statischen Prozess. Im Prinzip wird ein großes Fass mit dem Ausgangswein gefüllt. Dann darf zehnmal ein Zehntel des Weines entnommen, und mit der gleichen Menge wieder aufgefüllt werden. Dieses Entnehmen und Wiederauffüllen muss nicht jährlich erfolgen, das Gegenteil ist normalerweise der Fall. Oft wird lange, teils Jahrzehnte, auf einen passenden Wein gewartet. Danach wird die Solera geschlossen, weitere Zugaben von Wein sind nicht erlaubt. Der gesamte Inhalt der Solera wird dann auf Flaschen gefüllt. Rein rechnerisch ist etwa ein Drittel des Ausgangsweines in der geschlossenen Solera enthalten – sicher ein Grund, warum viele alte Madeira-Soleras so herrlich komplex sind. Außerdem findet während der gesamten Zeit im Fass eine ständige Verdunstung statt, die sich aufgrund des statischen Verfahrens auf die Konzentration des resultierenden Weines auswirkt.
Leider gibt es alte Madeira-Soleras nur noch selten zu kaufen. Aktuell sind bei den Firmen in Funchal nur noch die 1870er Verdelho Solera, 1860er Sercial Solera und 1845er Bual Solera der Madeira Wine Company sowie die 1940er Malvazia Solera von H. M. Borges Lda. erhältlich. Einige alte Soleraweine aus Madeira gibt es gelegentlich auf Auktionen zu erwerben. Aber ihre Qualität hat sich inzwischen herumgesprochen, so dass sie oft fast die gleichen (hohen) Preise erzielen wie Vintage Madeiras. Im Idealfall bietet eine Madeira-Solera eine große geschmackliche Komplexität und verbindet Reife und Konzentration mit einer gewissen Frische und Spritzigkeit.
Vielleicht ändert sich eines Tages die Rechtslage und es gibt wieder mehr Madeira-Soleras, ich würde es mir sehr wünschen. Bis dahin bleiben uns einige schöne alte Weine, von denen ich hier drei exemplarisch mit Verkostungsnotiz vorstellen möchte:
1878
Henriques & Henriques Sercial Solera
Helles Mahagony mit orangem Rand, etwas trübe. Die Nase war ein wunderbar harmonisches Bouquet aus angesengten Aromen mit einem scharfen Zitronenduft. Am Gaumen zeigte sich zuerst eine kräftige Säure, dann viel Zitrusaroma und dann runde und reichhaltige Frucht, so fruchtig, dass man glatt den Eindruck von Süße wahrnehmen wollte, der Wein war aber knochentrocken. Das Finish war sehr lang und mit einem herrlichen bitter-lemon Aroma und immer noch mehr Säure – toll. 12/2006
1860
Blandy Sercial Solera
Farblich präsentierte sich der Wein mit einem hellen aber schmutzigen Jodbraun. Die sehr zurückhaltende Nase zeigte Frucht und etwas Toffee und war wenig beeindruckend. Im Mund war der Wein sehr trocken, etwas brandig, dann scharfe Zitronen-Säure und viel bitter-lemon im Finish, aber der Eindruck von Säure blieb auch noch - sehr erfrischend. 3/2004. Diese Flasche war dem Etikett nach in den 1950er oder 1960er Jahren gefüllt worden, der Wein ist aber heute noch Funchal erhältlich.
1828
Blandy Boal Solera
Die Farbe war ein dunkles Jodbraun mit orangem Rand, viel Glycerin am Glas. In der Nase war der Wein nur schwach und harmonisch wahrnehmbar, allerdings erst kurz zuvor geöffnet und wenig belüftet. Der Geschmack war extrem konzentriert, mittlere Süße mit viel Säure, perfekt ausbalanciert, fruchtig, appetitanregend, mit langem und harmonischem Finish, ein toller Wein. 12/2002, 23% Alkohol.
s.a. die Homepage von Dr.Reutter - http://www.madeirawineguide.com/



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