Beitrag und Foto von Dr. Peter Reutter
Schon
seit dem gemeinsamen Treffen auf der Prowein 2008 war bei vier Anhängern des
Madeiraweins der Plan für eine Madeira-Verkostung im kleinen Rahmen gereift.
Und wie Madeirawein dies vormacht, sorgt eine gewisse Reife für bessere
Ergebnisse. So war es auch hier, als wir uns dann endlich am Sonntag, dem
8.6.2008 in Wiehl zur gemeinsamen Verkostung von 8 alten Madeiraweinen trafen.
Unsere Gastgeber Maik und Claudia hatten ein herrliches Menu vorbereitet, mit
dem wir eine gute Grundlage für die Verkostung legten. Nach leckerer Mozarella
im Speckmantel, saftigen Schweinelendchen mit Artischocken an Basmatireis und
einer wunderbaren Erdbeermousse ging es gut gestärkt an die "Arbeit".
Zur Verkostung standen 8 Weine mit einem Durchschnittsalter von 103 Jahren und
insgesamt 821 Jahren Weingeschichte Madeiras. Der älteste Wein war 173, der
jüngste Wein 52 Jahre alt.
Die
Reihenfolge war wie folgt:
Älter als
40 Jahre, Verdelho-Blend, Manuel Eugenio Fernandez Lda.
1955er
Verdelho, Manuel Eugenio Fernandes Lda.
1882er
Verdelho, AO-SM/Miles
1835er
Brown Madere Imperial, Nicolas-Charenton-Seine
1925er
Boal, H. M. Borges Lda.
1900er
Boal, Adegas de Torreao Vinhos Lda.
1890er Malmsey, Cossart Gordon
1900er Moscatel, D'Oliveira
Als
besonderen Abschluss gab es anschließend noch einen
Porto Dom Rozès, 40 Years Old Tawny Port
Die Weine
im Einzelnen:
Älter als
40 Jahre, Verdelho-Blend, Manuel Eugenio Fernandez Lda.
Dieser
Wein war von Manuel Eugenio Fernandez als private Reserve angelegt und
anlässlich seines 96. Geburtstages nach 52 Jahren Lagerung im Jahr 2002 von der
Madeira Wine Company auf Flaschen gezogen worden. Da die derzeit geltenden
Bestimmungen des IVBAM einen 50YO Blend nicht vorsehen, konnte der Wein nur als
40YO Blend etikettiert werden. Dieser Verdelho-Blend zeigte sich mit hellem
Jodbraun, etwas trübe und mit viel Glycerin am Glas. In der Nase war der Wein
zunächst sehr verschlossen, mit viel flüchtiger Säure und wenig Frucht.
Allerdings war die Flasche erst am Abend zuvor geöffnet worden, so daß wir
Hoffnung auf eine gute Entwicklung hatten. Und tatsächlich, nach drei Stunden
war der Wein sehr schön geöffnet, mit herrlich fruchtiger Nase und viel
Vanille. Im Mund war er zunächst scharf und brandig gewesen, nach 3 Stunden
dann aber mit schöner Frucht, viel Säure, gut ausbalanciert mit ausreichend
Süße, dann zum Ende hin mit sahniger Toffee-Note, Cognac und fruchtigem Finish.
Ein schöner Wein, der gut demonstrierte wie wichtig eine ausreichende Belüftung
bei Madeirawein ist.
1955er
Verdelho, Manuel Eugenio Fernandes Lda.
Diese
Flasche trug kein IVM- oder IVBAM-Siegel, ein Abfüller war nicht vermerkt. Die
Farbe war ein helles, klares und brillantes Jodbraun mit Tawny-farbenem Rand.
Auch dieser Wein war erst am Abend zuvor geöffnet worden, so dass er sich
ebenso wie der erste Wein in der Nase noch sehr verschlossen zeigte, mit wenig
Toffee und etwas flüchtiger Säure. Nach 3 Stunden war der Wein besser geöffnet,
aber nicht in dem Maße wie beim ersten Wein. Somit war eine gerechte
Beurteilung eigentlich nicht möglich. Ich bin mir sicher, dass er mit mehr Zeit
zum Atmen noch deutlich gewonnen hätte. Im Mund war er jedenfalls recht
trocken, etwas brandig mit wenig Frucht und leicht bitterem Finish, insgesamt
dem ersten Wein ähnlich, aber in der Art leichter. Diesen Wein werde ich mir zu
einem späteren Zeitpunkt noch einmal vornehmen müssen.
1882er
Verdelho, AO-SM/Miles
Diesen
Verdelho erwarb die Madeira Wine Company in den 1970er oder 1980er Jahren von
D'Oliveiras, was auf der Flasche noch an den Buchstaben AO-SM (Anibal
D'Oliveira, Sao Martinho) zu erkennen war. Zum Teil wurden diese Buchstaben
AO-SM später auch von den schon gefüllten Flaschen entfernt. Der Wein zeigte sich
mit einem warmen und dunklen Jodbraun und viel Glycerin am Glas. Die Nase war
herrlich rund und harmonisch, mit etwas flüchtiger Säure, genau der richtigen
Menge um für zusätzliche Komplexität zu sorgen, dazu Toffee und Datteln. Im
Mund war der Wein perfekt ausbalanciert mit viel Säure und mittlerer Süße, rund
und harmonisch, Frucht, Rosinen, Toffee und Creme brulée, dazu im Hintergrund
interessante Röstaromen, die auch im langen fruchtigen Abgang noch einmal
hervortraten. Ein wunderbarer Wein und der erste Höhepunkt dieser Verkostung!
1835er
Brown Madere Imperial, Nicolas-Charenton-Seine
Nachdem
ich schon zweimal das Glück hatte, diesen Wein kosten zu können, waren aller
guten Dinge nun drei. Die Flasche war auf einer Auktion in Skandinavien
erworben worden und leckte während des Transportes. Als Kandidat für die
nächste Verkostung hatte ich den undichten Korken einfach nur übersiegelt und
die Flasche (wie es sich für Madeira gehört) stehend gelagert. Der bekannte
Weinhändler Nicolas hatte bis in die 1970er Jahre einige kleine Fässer mit
altem Madeira, die nach und nach auf Flasche gefüllt wurden. Der Wein war 8
Tage vor der Verkostung dekantiert worden und hatte dabei initial ein
widerliches Aroma von Pferdeschweiss und Unmengen flüchtiger Säure gezeigt.
Jetzt war die Farbe ein schöner mittelheller Ebenholzton und die Nase zeigte
zwar immer noch etwas flüchtige Säure, aber auch Frucht, Toffee und Veilchen.
Im Mund schmeckte man viel Säure, die aber harmonisch eingebunden war,
ausreichend Süße als Gegengewicht, Frucht, Veilchen, auch hier ein röstiger
Hintergrund der in einen langen und leicht bitteren Abgang mündet. Ein
konzentrierter Wein und sehr vielschichtig.
1925er
Boal, H. M. Borges Lda.
Die
Flasche in Bocksbeutelform mit Strohhülle weckte zunächst übelste Assoziationen
an die billligen dreijährigen Weine, die auf Madeira an ahnungslose Touristen
verramscht werden und zum Teil den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen.
Die Flasche trug ein JNV-Authentizitäts-Siegel aus den 1970er Jahren, welches sich
beharrlich auf der Stohhülle festklammerte. Im Glas zeigte sich der Wein mit
mittelhellem Jodbraun, in der Nase war er herrlich rund und harmonisch, viel
Toffee, fruchtig, etwas Veilchen, und noch eine interessante Röstnote dazu. Im
Mund schaltete der Wein noch einen Gang herauf, zeigte viel Frucht und noch
mehr Karamell, viel Toffee dazu, rund und komplex zugleich, etwas Veilchen
dazu, mit langem Toffee-Finish und schöner Säure-Süße-Balance. Sicher hatte der
Wein davon profitiert, dass die Flasche schon drei oder vier Monate geöffnet
gewesen war, aber trotzdem: was für ein herrlicher, klassischer Boal. Ein
weiterer Höhepunkt der Verkostung.
1900er
Boal, Adegas de Torreao Vinhos Lda.
Diese
Flasche mit IVM-Papiersiegel war in Portugal gekauft worden. Leider war der
Aufdruck etwas verwaschen, aber die Aufschrift war noch erkennbar und der
Korken war mit "Adegas de Torreao, Vinhos, Lda, Madeira" üppig
beschriftet. Der Wein präsentierte sich mit mittelhellem Jodbraun und einer
runden und harmonischen Nase von Toffee und Lebkuchen. Im Mund sprang einen der
Wein förmlich an, mit viel Säure, einer leichten Schärfe die aber schnell
verflogen war, Karamell, Toffee, Frucht, und dann... ein kurzer und leicht
bitterer Abgang. Nach dem imposanten Auftakt hätte ich mir etwas mehr Länge
gewünscht, aber der Wein war trotzdem interessant. Nach drei Stunden im Glas
entwickelte er etwas mehr Länge, und das obwohl er 8 Tage zuvor bereits
mehrfach dekantiert worden war.
1890er
Malmsey, Cossart Gordon
Einen
weiteren Höhepunkt der Verkostung stellte dieser Malmsey dar. Mit dunklem
Jodbraun und runder und harmonischer Karamellnase zeigte er erst im Mund seine
volle Stärke, dann aber umso beeindruckender. Viel Süße, gut ausbalancierte
Säure, Rosinen, Brot, ganz viel Karamell, auch viel herrlich sahniger
Toffeegeschmack dazu, rund und lecker, dann ein Wechsel zu mehr röstigen
Aromen, Kaffee, Molasse, und zuletzt ein langer Abgang mit viel Toffee, wobei
die Röstnoten dafür sorgten, dass der Wein nicht klebrig sondern sehr angenehm
wirkte. Ein toller Malmsey, klassisch, komplex und perfekt ausgewogen!
1900er
Moscatel, D'Oliveira
Auch wenn
ich diesen Wein gut kenne (und sehr schätze) begeistert er mich doch jedes mal
aufs Neue. Dieser Moscatel ist einer der wenigen Madeira-Mosacatels die es
überhaupt noch gibt, neben dem 1875er Moscatel ebenfalls von D'Oliveira und der
Moscatel Reserva Velha von Artur de Barros e Sousa. Der Wein zeigte sich mit
einem warmen Dunkelbraun mit leicht orangem Rand. In der Nase dominierten
fruchtige Süße, Feigen und eine dezente Brotnote. Im Mund war der Wein fast
überwältigend süß, aber die noch ausreichende Säure pufferte die Süße perfekt
ab. Dazu kamen Rosinen, Karamell und etwas Molasse, auch hier verhinderte eine
Röstnote den Eindruck von Klebrigkeit. Ein Klassiker, der immer wieder
begeistert - und ein würdiger Abschluss der Verkostung!
Porto Dom Rozès, 40 Years Old Tawny
Sozusagen
als Nachtrag gab es noch diesen sehr interessanten Tawny in einer
altertümlichen Flasche zu kosten. Mit schönem Ziegelrot und traubig-fruchtiger
Nase erinnerte der Wein fast an einen Moscatel de Setubal. Auch im Mund zeigte
sich dieser Tawny sehr fruchtig und traubig, süß und rund, mit Anklängen an
Moscatel de Setubal. Ein beeindruckender Wein mit toller Frucht!
Im Handumdrehen waren 5 Stunden vergangen und die Verkostung hatte ihr Ende erreicht und es galt, den Heimweg anzutreten. Als Fazit blieben beeindruckende Weine und der Vorsatz eine solche Verkostung mit einigen zusätzlichen Weinen und Teilnehmern zu wiederholen. So herrliche alte Madeiraweine zu verkosten ist zu schön, als dass man es für sich alleine im stillen Kämmerlein (oder Weinkeller) tun sollte. Interessenten an einer Neuauflage einer Madeiraweinverkostung mit 12 bis 15 Teilnehmern und ebenso vielen Weinen sind herzlich eingeladen, sich mit einer kurzen Email im Port-Blog vormerken zu lassen. Zum Abschluss noch ein großes Danke und Maik und Claudia für die Ausrichtung der Verkostung und das tolle Menu sowie die beeindruckenden Weine. Und last but not least geht ein großes Danke an Gerdinho für drei seltene und sehr leckere Raritäten. Von euch Dreien lasse ich mich jederzeit wieder zum Verkosten einladen :-)
Die Teilnehmer von links nach rechts: Maik, Gerd, Peter und hinter der Kamera, Claudia


Kommentare