Ein Beitrag von Dr. Peter Reutter
Berlin ist immer eine Reise wert. Am Donnerstag, den 16. Oktober war dies sogar noch mehr der Fall als sonst. An diesem regnerischen Tag hatte die AICEP, die portugiesische Außenhandelsagentur zu einer Weinprobe nach Berlin eingeladen. In Zusammenarbeit mit der Independent Winegrowers Association IWA und dem Instituto do Vinho do Bordado e do Artesanato da Madeira IVBAM (früher IVM) stellten 10 verschiedene Aussteller etwa 80 verschiedene Weine vor.
Der Ausstellungsraum
Aus Madeira waren vier Produzenten anwesend: Henriques & Henriques Vinhos SA, repräsentiert durch Humberto Jardim, die Madeira Wine Company SA, repräsentiert durch Jaques A. Faro da Silva, Vinhos Barbeito Lda., repräsentiert durch Americo Pereira von Diogos Wine Shop in Funchal und Vinhos Justino Henriques Filhos Lda., repräsentiert durch Julio Fernandes. Eigentlich hatte ich den Chef von VJH Sigfredo da Costa Campos erwartet, aber Julio berichtete, dass dieser nur wenige Wochen nach der Düsseldorfer ProWein überraschend verstorben war. Nach John Cossart von Henriques & Henriques ist dies nun leider schon die zweite herausragende Persönlichkeit im Kreise der Madeira-Produzenten, die in der letzten Zeit verstorben ist. Da bleibt nur zu hoffen, dass die positive Entwicklung des Madeira-Weins weiter anhält. Das IVBAM selbst war vertreten durch den Vorstandsvorsitzenden Paulo Rodrigues, der mich mit einer wunderschön bestickten Küchenschürze mit herrlichem Weinmotiv beschenkte. Selbstverständlich ist diese Kostbarkeit zum Kochen viel zu schade, aber beim Öffnen einer antiken Flasche werde ich sie gerne anziehen… Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war ein interessantes und sehr gelungenes Madeira-Wein-Seminar mit dem Portugal-Experten David Schwarzwälder, in dem alle Neulinge im Schnelldurchlauf mit den Besonderheiten des Madeira-Weines vertraut gemacht wurden.
Herr Schwarzwälder beim Madeira-Wein-Seminar
Alle erwähnten Firmen hatten ein großes Sortiment an Blends mitgebracht, die ich aus Platzgründen nicht weiter aufführen möchte, dazu viele Colheitas und Harvest Weine. Zwölf Verkostungsnotizen vom Weinen, die mich besonders beeindruckten folgen nachstehend:
Henriques
& Henriques Vinhos SA
1998
Medium Rich
Single Harvest
Aus Tinta Negra Mole (=TNM). Mitteldunkles Mahagoni mit wunderbarer Toffee-Nase. Im Mund mäßige Süße, dann ein etwas scharfer Säure-Antritt und danach noch mehr Toffee, zum Schluss ein Kaffee-bitteres Ende von mittlerer Länge.
Alvada,
Blandy
Jaja, die pinke Flasche wirkt auf den ersten Blick etwas erschreckend. Mich hatte das bisher auch davon abgehalten, den Wein mal ausführlich und in Ruhe zu probieren. Diesmal war er aber leicht gekühlt und ich kann nur sagen: ich war sehr positiv überrascht. Dieser Mahagoni-farbene Wein zeigte ein reichhaltiges und fruchtiges Bouquet und war im Mund süß und sehr fruchtig, mit einem überraschend langen Frucht-Finish. Der Wein war sehr angenehm zu trinken und machte einfach nur Spaß. Für Liebhaber von alten Vintages ist das vermutlich nichts, aber fruchtverwöhnte Portwein-Trinker könnten hier auf ihre Kosten kommen.
15YO Malmsey, Blandy
Dieser Wein war von brillanter mitteldunkler Jodfarbe und
zeigte eine sehr komplexe Nase aus Sahnebonbon, Nüssen und Röstaromen. Im Mund
war der Wein sehr süß, mit viel Säure dazu, viel Karamell, aber auch dunkle
Röstaromen, die den Wein interessant machten. Der Abgang war mittellang mit
Karamell und Kaffeenoten.
2001
Malmsey
Harvest, Blandy
Der 2001er Harvest-Wein zeigte ein helles Jodbraun und eine sahnige Nase. Der Wein war süß und nussig, legte dann einen mehr fruchtigen Gang ein, bevor er dann mit einem schönen Toffee-Finish endete. Dieser Malmsey verbrachte 6½ Jahre im Fass und war schon recht komplex.
1998
Verdelho
Colheita, Cossart Gordon
Die Farbe dieses Weines war ein sehr helles Jodbraun, der Duft war extrem nussig. Im Mund zeigten sich viel Frucht und Säure, für einen Verdelho war der Wein erstaunlich süß. Insgesamt war der Wein sehr schön ausgewogen, mit einem langen bitteren Abgang.
1997
Bual
Colheita, Cossart Gordon
Diese Colheita zeigte sich Strohfarben, mit fruchtiger Nase
die auch etwas Toffee dabei hatte. Am Gaumen gab es ebenfalls ganz viel Toffee,
was zu einem fast cremigen Eindruck führte, aber trotzdem wurde dies durch
genug Säure schön ausbalanciert. Der Wein endete in einem beeindruckenden Toffee-Finish.
1996
Malmsey
Colheita, Cossart Gordon
Die Malmsey Colheita war mit ihrem dunklen Cola-Braun die Dunkelste aller Colheitas. Nach einem ordentlichen Schuss flüchtiger Säure ließen sich Honig und angenehme Röstaromen schnuppern. Im Mund zeigte sich der Wein sehr süß, sogar für einen Malmsey, aber diese Süße war durch ein komplexes Zusammenspiel von Honig und Karamell sowie viel Säure perfekt ausbalanciert. Der Abgang war wunderbar lang und endete mit reichhaltigem, schönen Karamell.
1991
Sercial
Colheita, Cossart Gordon
Dies war der Hellste aller MWC Weine, mit einem sehr hellen Jodbraun. In der Nase drängelten sich Nussaromen, auch etwas Bienenwachs dazu. Am Gaumen begann der Wein mit einem scharfen und trockenen Antritt, wurde dann weicher und zeigte wieder Nuss- und Mandelaromen. Die Säure war sehr dominant, aber nicht überwältigend und zog den Wein hin bis zum säurebetonten Abgang, der im Mund einen erfrischenden Eindruck hinterließ.
20YO
Malvasia Lote 6072, Barbeito
Diese Rarität zeigte sich mit einer hellen Honigfarbe und ebenso einer Honignase, zusammen mit viel Frucht. Im Mund war der Wein sehr säurebetont, sehr fruchtig und komplex mit vielschichtigen Aromen von Honig und Traube, mit langem säurebetonten Abgang. Obwohl der Wein nicht einfach zu trinken war, war er doch sehr interessant.
2000
Malvasia
Colheita Single Cask 44a, Barbeito
Aufgrund des heißen Sommers 2007 und seiner Lagerung in heißer Umgebung (“a” bis “c” weisen bei Barbeito auf die Lagerung an unterschiedlichen Lagerhäusern hin, „a“ beispielsweise in der Nähe des Fußballstadions) unterging der Wein eine rasche Konzentration, ohne aber entsprechend zu oxidieren. Dies führte zu einer vorzeitigen Abfüllung des Fasses 44 in insgesamt 1.026 Flaschen. Der Wein zeigte sich mit strohgelber Farbe, in der Nase zeigten sich kaum die sonst so typischen oxidierten Madeira-Aromen. Vielmehr hinterließ das Bouquet einen sehr fruchtigen und frischen Eindruck, fast wie Traubensaft. Am Gaumen wurde dies fortgesetzt, beginnend mit traubiger Süße und einer fast Moscatel-artigen Frucht, viel frische Säure, immer noch keine oxidativen Aromen, keine Röstnoten, und trotzdem schön komplex und beeindruckend. Der Wein ist sicher untypisch, aber eine Rarität und sehr angenehm zu trinken.
1997
Medium Dry
Single Harvest, Barbeito
Diese TNM-Colheita präsentierte sich mit Strohfarbe mit
tawny-farbenem Rand. In der Nase sehr traubig, war sie im Mund ebenfalls
frisch, fast prickelnd und sehr säurebetont. Der Wein hinterließ einen angenehm
frischen Eindruck.
Vinhos
Justino Henriques Filhos Lda.
1996
Colheita,
Justinos
Ich hatte eigentlich auf die Terrantez Old Reserve gehofft,
aber diese Colheita war ebenfalls sehr beeindruckend und für mich der schönste
Wein der Verkostung. Mit dunklem Jodbraun und einer sehr reichhaltigen Nase mit
Nüssen, Kaffee und Feigen ließ er schon Gutes ahnen. Am Gaumen zeigten sich
dann eine angenehm ausgewogene Süße, perfekt mit schöner Säure ausbalanciert,
dazu Toffee, Mandeln, Nüsse, dann auch dunklere Röstaromen. Das weinige Finish
war sehr lang und der Wein war herrlich angenehm zu trinken, eine tolle
Verbindung von Komplexität und Harmonie. Diese Colheita erinnerte mich sehr an
die Broadbent Colheita aus dem gleichen Jahrgang, die schließlich ebenfalls von
VJH abgefüllt wird. Möglicherweise handelt es sich um den gleichen Wein.
Stand der Madeira Wine Company mit Herrn Faro da Silva, rechts vorne übrigens eine dieser tollen Schürzen mit Weinmotiv.
Alle Fotos von Dr. Peter Reutter


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