Bericht von einer Madeirawein-Verkostung in Seattle im Juli 2009 von und mit Dr. Peter Reutter
Seit dem fantastischen Seattle Madeira Tasting von Roy Hersh Anfang 2007 hatte ich davon geträumt, mal wieder ein paar schöne alte Madeiras mit Roy zu verkosten. Durch die gemeinsame Beschäftigung mit dem Thema Madeira war der Kontakt nie abgerissen, und als ich im letzten Monat in den USA Urlaub machte, bot sich ein Treffen mit gemeinsamer Verkostung geradezu an. Roy hatte zusätzlich zwei Madeirawein-begeisterte Freunde eingeladen, und so wurde es ein wunderschöner Abend. Neben sechs alten Madeiras verkosteten wir noch einige andere Weine, darunter eine 1976er Schloss Eltz Eltviller Sonnenberg Riesling Auslese. Ein sehr leckeres Dinner gab es auch noch – es war also ein rundum gelungener Abend. Von den sechs verkosteten Madeiraweinen möchte ich kurz berichten. Einige davon dürften nicht mehr käuflich zu erhalten sein, ein bestimmter Wein ist vermutlich gar zum letzten Mal geöffnet worden, und so schwebte auch ein kleiner Hauch Historie über der Verkostung… Ein großes Danke-Schön geht an alle Beteiligten dieser Verkostung, die einen so wunderschönen Abend möglich gemacht haben! Die Weine im Einzelnen, in der Reihenfolge ihrer Verkostung:
1830 Justino Henriques Sercial Solera
Diese Flasche war nur zu 2/3 gefüllt gewesen, daher hatte ich sie sehr preiswert erwerben können. Ich erwartete mir wenig von diesem Wein. Interessanterweise stand auf dem Etikett "Solera of the Vintage", aber ich denke, dass es sich um eine ganz normale Madeira-Solera handelte. Der Wein war durch Vinhos Justinos Henriques abgefüllt worden, kam aber ursprünglich aus dem Besitz von Joao Alfredo Faria, Funchal. Der vorherige Besitzer der Flasche hatte sie vor etwa 50-60 Jahren gekauft und dann wieder entdeckt, als er den Keller ausräumte. Es handelte sich um Flasche Nr. 178 von nur 700 abgefüllten Flaschen insgesamt. Das optische Erscheinungsbild des Weines war scheußlich, ein schmutziges und trübes Braun, vermutlich durch beim Transport aufgewirbeltes Sediment. Die süße, würzige Toffee-Nase hatte kaum flüchtige Säure, dafür noch etwas Walnuss dabei. Im Mund war der Wein für einen Sercial erstaunlich süß, überhaupt war der Wein eher weich und rund, vielleicht durch den hohen Luftanteil in der Flasche. Es gab nussige Aromen, einige geröstete und etwas bittere Nuancen. Insgesamt war der Wein nicht sonderlich komplex und hatte ein bitteres, säure-betontes Finish von mittlerer Länge. Sicherlich kein absoluter Spitzenwein, aber für den bezahlten Preis ein interessantes Schnäppchen!
1905 D’Oliveira Verdelho
Dieser Wein war ebenfalls relativ trübe, mit hellem Jodbraun, heller als erwartet. Die Nase präsentierte sich recht merkwürdig, mit einer initialen Schwefelwolke, als ob jemand ein Streichholz angezündet hätte, dazu viel flüchtige Säure und gekochte Früchte. Am Gaumen war der Wein sehr säurebetont, mit wenig Süße, Zitrusaromen, auch etwas nussig, aber roh und kantig, sogar etwas brandig, mit einem bitteren, röstigen Ende. Diesen Wein habe ich schon oft probiert und eigentlich handelt es sich sonst um einen sehr schönen Verdelho mit ausgeprägten Nussaromen. Irgendetwas stimmte mit dieser Flasche nicht, da bin ich mir sicher.
1839 Terrantez (producer unknown)
Diesen Wein hatte ich vor Jahren auf einer Auktion ersteigert, zusammen mit einer zweiten Flasche ohne Etikett, sonst aber von gleichem Aussehen. Beide Flaschen sollten den gleichen Wein enthalten, und rückblickend war dies wohl auch der Fall. Die Flasche ohne Etikett hatte ich 2006 geöffnet, damals zeigte sich ein wunderschöner, stark säurebetonter Terrantez. Nachdem ich wusste, das Roy ein „acid-freak“ ist, brachte ich die zweite Flasche (die mit dem Etikett) zur Verkostung mit. Sie trug nur ein kleines handgeschriebenes Papierschild mit “Terrantez (Madeira)”, befestigt mit Klebefilm. Außerdem standen noch einige unleserliche Buchstaben am Ende, etwas wie “Pyreivan”, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, dieses Gekritzel als “Pereira” wie in Pereira D’Oliveira zu identifizieren. Also bleibt der Produzent dieses herrlichen Weines leider im Dunkeln. Dieser Terrantez zeigte sich mit einem dunklen Kaffeebraun, ebenfalls etwas wolkig. Das Bouquet war unglaublich lebhaft und vielseitig, mit Kaffee, angesengtem Karamell und etwas flüchtiger Säure, die sich schön abmilderte. Auf der Zunge gab es eine perfekte Mischung aus mäßiger Süße und wuchtiger Säure, reichhaltig und geradezu dekadent, aber präzise dargestellt, nicht verwaschen, dazu Pralinenaromen, ein Hauch Zimt, langsam auf ein wuchtiges Finale zusteuernd, mit Rohrzucker und Kaffee und immer noch einer spritzigen Säure, die bis zum letzten Moment durchschimmerte. Ein beeindruckender Wein! Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Madeirawein seinen Höhepunkt erst mit der schwierigen, aber sehr lohnenden Terrantez-Traube erreicht! Zu schade, dass der exakte Produzent dieser herrlichen Flasche nicht zu ermitteln ist.
1900 Manoel de Sousa Boal
Weil über diesen Produzenten nicht viel bekannt ist, konnte ich zwei Flaschen dieses Weines vor einiger Zeit auf einer Auktion günstig ersteigern. Der Korken war kriminell kurz, nur 13mm, deshalb hatte ich die Flasche vor dem Transport nach Seattle neu verkorkt und dabei ein wunderschönes MSH-Wachssiegel (für Manoel de Sousa Herdeiros) zerstört. Die Farbe des Weines war ein dunkles Colabraun, die dunkelste Farbe aller verkosteten Weine. Die würzige Nase war sehr beeindruckend, mit Pflaumen, gekochten Früchten und etwas flüchtiger Säure, um es noch komplexer zu machen. Im Mund war der Wein recht süß, aber diese Süße wurde durch eine fast abartige Säure noch übertroffen. Der Wein war sehr konzentriert, mit Karamell, Toffee, komplex und harmonisch, mit einem langen und leicht bitteren Finish, mit immer noch deutlicher Säure. Die Säure war insgesamt so wuchtig, dass sie manchmal fast ein wenig scharf wirkte. Ein Wein für Säure-Fanatiker, kräftig und konzentriert - ich mochte ihn sehr.
1903 D’Oliveira Boal
Chuck hatte diesen Wein viele Monate vor der Verkostung geöffnet, daher waren wir gespannt, wie gut er sich gehalten hatte. Mit einem brillianten Dunkelbraun zeigte sich dieser Boal nicht nur in perfekter Verfassung, er zeigte vielmehr auch, wie positiv sich eine lange Dekantierzeit auf alten Madeirawein auswirken kann. In der Nase schmeichelte ein wunderschöner Boal mit zuckerigem Karamell, leicht nussig und immer noch mit ein wenig flüchtiger Säure. Der erste Schluck war ebenso beeindruckend und steigerte sich zu Unmengen von cremigem Karamell, unterstützt von knackiger Säure, Walnuss und einem langen Toffee-Abgang, alles dabei sehr rund und harmonisch. Ein wundervoller und klassischer Boal, ein halbes Jahr nach dem Dekantieren jetzt auf dem Höhepunkt – Wow!
1827 Quinta do Serrado Boal
Dieser Wein ist einer meiner Dauer-Favoriten und deshalb war ich sehr erfreut zu sehen, dass Chuck eine Flasche davon mitgebracht hatte. Er präsentierte sich mit einem brillianten und dunklem Jodbraun mit leicht rötlicher Mitte. Die Nase war ein wenig verhalten, zeigte etwas Karamell, einen Hauch flüchtiger Säure und dazu Toffee. Im Mund schaltete der Wein gleich zwei Gänge hoch, mit eleganter Süße, in perfekter Balance mit kräftiger Säure. Dieser wundervolle Boal schmeckte nach braunem Zucker, vielschichtigen und nussigen Karamellaromen, einer Prise Vanille und endete dann in einem langen und säurebetonten Karamell-Finish, mit ein wenig Kaffee am Schluss. Hmmm, der Geschmack saß noch lange in den diversen Ecken des Mundes und ließ sich da bereitwillig mit der Zunge herauskitzeln. Ein herrlicher Boal, der klar demonstrierte, warum er ein klassischer Muss-ich-haben-Wein für den Madeiraweinsammler ist.
Den Kommentar von Roy Hersh zu diesem Abend in seinem 'fortheloveofport-forum' finden Sie hier.
Wer den Artikel in englisch lesen möchte, findet ihn auf der Seite 'MadeiraWineGuide' von Peter Reutter.
Lieber Peter, vielen Dank für diesen tollen Bericht. Ich hoffe, wir können bald unsere "Madeirawein-Verkostung Wiehl 2009" veranstalten....


Kommentare