Nachdem ich in den letzten Jahren immer auf der Prowein gewesen war, mußte ich in diesem Jahr meinen Besuch kurzfristig absagen. Verpasst habe ich wohl einiges, nicht nur die beiden Blogger-Treffen, die eine oder andere Verkostung und natürlich das Treffen mit Freunden.
Peter Reutter z.B., das Foto zeigt ihn auf der Prowein im letzten Jahr, war jedoch da und hat wieder ganz viele Madeiras probiert und seine Eindrücke aufgeschrieben.
Hier ist sein Bericht von seinen Madeiraverkostungen auf der Prowein 2009. Vielen Dank Peter! (Wer will, kann seine Verkostungsnotizen auch auf seiner Webseite- MadeiraWineGuide- in Englisch lesen - hier.)
Foto: Gerd Gerhard Prowein 2008
Madeira-Notizen von der ProWein 2009 von Peter Reutter
Ende März war es einmal wieder so weit: Die ProWein in Düsseldorf öffnete ihre Pforten. Gut 3000 Aussteller präsentierten ihre unzähligen Weine und Spirituosen dem fachkundigen Publikum. Obwohl die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise auch auf der ProWein spürbar war, so herrschte dennoch großer Andrang. Alles in allem war der Besuch wieder sehr lohnend und viele Verkostungen und Seminare offenbarten neue Erkenntnisse.
Auch die Anreise mit der Deutschen Bahn war ein Offenbarung, allerdings eher ein Offenbarungseid. Zu spät, zu dreckig, zu unfreundlich, von Servicekultur keine Spur und dies zu einem durchaus üppigen Fahrpreis. Trauriger Höhepunkt war die Rückfahrt mit einer Regionalbahn: Vier Familien mit Kindern stiegen unterwegs gezwungenermaßen aus, weil alle Toiletten des Zuges defekt und abgesperrt waren. Zwei Stunden Zwangspause auf einem zugigen Bahnhof, nur damit kleine Kinder Pippi-Pause machen können – ein Armutszeugnis für die Bahn. Einem kritischen Beobachter stellt sich da die Frage nach der Kompetenz des Managements. Womöglich sollten auch die Prioritäten geändert werden, wie wäre es mal mit Produktqualität an erster Stelle, dann rücken die Spitzeleien zumindest auf den zweiten Platz.
Aber zurück zu den erfreulichen Dingen: Wie in den Jahren zuvor hatte das Madeira Wine Institute (IVBAM) einen Gemeinschaftsstand organisiert. An diesem Stand präsentierten sich diesmal die Firmen Henriques & Henriques, Madeira Wine Company und Vinhos Justinos Henriques. Vinhos Barbeitos waren laut Vorabprogramm ebenfalls geplant gewesen, mussten aber leider kurzfristig absagen. Alle Firmen hatten ihr Sortiment an Blends mitgebracht, dazu Colheitas, einige Vintages und natürlich interessante Neuigkeiten für den interessierten Madeira-Liebhaber. Henriques & Henriques waren vertreten durch ihren CEO Herrn Humberto Jardim, Herr Ricardo Tavares, Commercial Manager, vertrat die MWC und Herr Julio Fernandes, Commercial Director, repräsentierte Vinhos Justino Henriques. Das Madeira Wine Institute wurde vertreten durch Frau Nadja Meroni und den Direktor des Institutes. Zudem gab es ein interessantes Tasting, moderiert von Sommelière Frau Yvonne Heistermann. Insgesamt scheinen die Madeira-Produzenten vielleicht nicht ganz so heftig von der Weltwirtschaftskrise betroffen zu sein, wie einige andere Appelationen. Eine große Expansion war aufgrund der 400 Hektar Rebfläche (man stelle sich vor: weniger als die Hessische Bergstrasse!) und der nur kleinen Produktionsmenge von 4 Millionen Liter ohnehin nicht geplant gewesen.
Nachfolgend die Neuigkeiten der anwesenden drei Produzenten, zusammen mit einigen Verkostungsnotizen:
Henriques & Henriques:
Mit Humberto Jardim unterhielt ich mich über die zukünftige Preispolitik der Madeira-Produzenten im Angesicht der Weltwirtschaftskrise. Zumindest bei den Vintage-Madeiras seien Preisreduktionen nicht geplant, zumal die Preise angesichts des enormen Aufwandes bei der Herstellung ohnehin grenzwertig niedrig seien. Man will sich bei H&H zunächst auf den Vertrieb der existierenden Weine konzentrieren und die weitere Entwicklung des Marktes abwarten. Neueinführungen von Vintage-Madeiras oder anderen Produkten sind derzeit nicht geplant. Bei H&H gab es eine leckere Colheita zu verkosten, neben den –wie immer- sehr guten 10YO und anderen Blends.
Henriques & Henriques 1998 Colheita
Wie andere Hersteller auch, gehen H&H dazu über, die Colheita-Weine zusätzlich als „Single Harvest“ zu beschriften, eine Maßnahme für den internationalen Markt. Diese Colheita ist von Tinta Negra Mole (TNM) Trauben produziert, mit etwa 120 Gramm Restzucker, 19% Alkohol und um die 4,5 Gramm nicht-flüchtige Säure. Der Wein zeigt sich mit leuchtend-dunkler Bersteinfarbe, in der Nase Karamell, Röstnoten und viel Toffee. Die Colheita ist angenehm süß, erstaunlich komplex, auch am Gaumen mit viel Karamell, Röstaromen, dann ein herrliches Toffee-Finish von mittlere Länge. Wieder einmal zeigt sich, wie gut die Tinta sein kann, wenn sie adäquat behandelt wird.
Madeira Wine Company:
Von der MWC gab es einige interessante Neuigkeiten: Es gibt Überlegungen, in Zukunft 5-jährige Blends aus TNM zu produzieren. Damit würden Kapazitäten bei den klassischen weißen Traubensorten frei, die wiederrum für Colheitas und Vintage-Madeiras genutzt würden könnten. Einen Dry 5YO und einen Rich 5YO gab es auf der ProWein zu probieren, beide waren von eindrucksvoller Qualität und konnten gut mit ihren 5-jährigen Kollegen aus den klassischen weißen Traubensorten mithalten. Dies ist sicher ein Verdienst von Francisco Albuquerque, der 2008 zum dritten Mal in Folge „Winemaker of the year“ wurde. Geplant ist außerdem eine Blandy Terrantez-Colheita für die nähere Zukunft. Überhaupt will man sich bei der MWC in Zukunft vor allem auf die Marke Blandy konzentrieren. Die Marke Leacock’s gibt es beispielsweise nur noch auf Madeira selbst und in Skandinavien, wo Leacock’s nach MWC-Auskunft Marktführer sei. Und schließlich gibt es eine Neuigkeit beim Abfüllen: Seit kurzem werden die Korken mit dem Jahrgang des abgefüllten Weines und dem Jahr der Abfüllung beschriftet.
Blandy’s 5YO Dry Blend (TNM)
Hier also ist der neue TNM-Blend, der in Zukunft dem 5YO Sercial Konkurrenz machen, ihn vielleicht eines Tages ablösen soll. Die Farbe ist ein schönes Orange-Braun, in der Nase zeigen sich nussige Aromen, etwas traubige Frucht, Rosinen. Auf der Zunge ist der Wein angenehm fruchtig, nicht zu trocken, aber mit genug Säure, um ihn interessant zu machen. Sicher gibt es hier weniger Nussaromen als im direkt verglichenen 5YO Sercial. Trotzdem ist der Wein lecker zu trinken, ein schöner Wein für jeden Tag.
Blandy’s 5YO Rich Blend (TNM)
Und dies ist die süße Variante des 5YO TNM-Blends, mit warmem Cola-Braun, einer reichhaltigen Nase mit Feigen und Rosinen –toll!- und im Mund mit angenehmer, nicht klebrig wirkender Süße. Dann kommen Rosinen und Toffeearomen hinzu, deutlich üppigere Säure im direkten Vergleich zum 5YO Malmsey, die sehr gut eingebunden ist, sehr schön gemacht, mit langem fruchtigen Karamell-Finish. Auch dieser Wein ist absolut konkurrenzfähig, persönlich finde ich ihn sogar besser als sein 5YO Malmsey-Pendant.
Blandy’s 1992 Malmsey Colheita
Erst im Januar 2009 wurde dieser Wein abgefüllt und zeigt ein mittel-dunkles Mahagonibraun. Die Nase ist eher unspektakulär, viel Toffee vor allem. Im Mund zeigt sich dann aber eine ganz andere Welt, erst ein scharfer Säure-Antritt, dann viel buttriges Karamell, Toffee, fast sahnig wirkt der Wein, bevor er dann in einem leicht bitteren Karamell-Finish endet. Nach 17 Jahren Fasslager ist diese Colheita sehr eindrucksvoll, wuchtig und vielschichtig.
Blandy’s 1991 Boal Colheita
Diese Colheita lag 18 Jahre im Fass, ist sozusagen ein fast-schon-Vintage-Madeira. Prinzipiell ist es tatsächlich so, dass eine Colheita, die nicht komplett abgefüllt wurde, nach weiterem Fasslager später als junger Vintage auf den Markt zurückkehren kann. Dieser Wein präsentiert sich mit orange-brauner Farbe, schöner Toffee-Nase, am Gaumen komplex und röstig, angenehme Süße mit gut ausbalancierter und üppiger Säure, viel Toffee, zuletzt dann ein schönes, röstiges Toffee-Finale. Der Wein ist gut gemacht und für eine Colheita erstaunlich konzentriert, die 18 Jahre Fasslager machen sich bemerkbar.
Blandy’s 1990 Malmsey Colheita
Und noch eine interessante Colheita, mit schönem Jodbraun und lecker-fruchtiger Rosinen-Nase, gepaart mit viel Toffee. Im Mund ergibt sich fast der Eindruck einer chinesischen Süß-Sauer-Soße, so konzentriert zeigt sich dieser Wein. Viel Süße, verbunden mit viel Säure, mit etwas scharfem Antritt, vermutlich nicht lange genug geöffnet gewesen, nur wenig Karamell und Toffee, dafür aber ganz viel Frucht (Limone, Orange, leichte Moscatel-Note), ebenso ein langer, fruchtbetonter Abgang mit nur einem Hauch von Röstaromen. Eine sehr gut gemachte Colheita, die Beste die ich diesmal verkosten durfte, so ganz im modernen Fruchtschnitten-Stil und sehr eindrucksvoll!
Blandy’s 1977 Boal
Nach 30 Jahren im Fass wurde dieser Boal 2007 abgefüllt. Obwohl er damit eher ein junger Vintage-Madeira ist, leuchtet er mit einem warmen Jodbraun im Glas. Die Nase erschnuppert etwas flüchtige Säure (davon gab es auf dieser ProWein ansonsten sehr wenig!), Feige, Honig, etwas Karamell. Im Mund ist dieser Boal mit genau der richtigen Süße (80gr Zucker/l), anfänglich etwas scharf, vielleicht zu frisch geöffnet, dann wird er milder, säurebetont, viel Toffee drängt sich nach vorne, im Hintergrund weiterhin eine sehr schöne Balance zwischen Süße und Säure, immer noch cremige Toffeearomen auf denen der Wein dann auch ausklingt. Dieser Wein ist jetzt schon beeindruckend gut und wird mit einigen Jahren fortgesetzten Fasslagers sicher noch deutlich besser werden!
Blandy’s 1966 Sercial
Ich gebe zu, mit den Sercials habe ich es oft nicht so, die nicht so knochentrockenen Madeiras liegen mir mehr. Dieser Sercial mit 38 Jahren Fasslager, abgefüllt 2004, war eine angenehme Überraschung für mich. Die Farbe ist ein dunkles Tawny, in der Nase machen sich vor allem Nussaromen und etwas süßliche Frucht bemerkbar. Am Gaumen gibt es erst einmal einen kleinen Säure-Knockout, aber dann überraschend viel Frucht, dann wird der Wein runder und weicher, nussig, zeigt etwas holzige Süße – reden wir hier etwa über einen Sercial?- dann sogar ein wenig Toffee, zuletzt ein langer Abgang auf Mandel und Säure (10 gr/l). Eine sehr gelungene Synthese der beiden manchmal gegensätzlich wirkenden Sercial-Stile: Säure mit Nuss gepaart. Interessant und vielleicht auch mal ein Wein für diejenigen, die Sercials sonst nicht so mögen.
Vinhos Justino Henriques:
Auch von VJH gibt es Neuigkeiten: eine neue Marke für den europäischen Markt war zu sehen, Colombo genannt. Nach Auskunft der Firma gibt es diese Marke für 3YO und 5YO Blends allerdings schon länger, neben Justinos und East India, sie war bisher nur in Deutschland noch nicht vorgestellt worden.
Justino’s 1998 Colheita
Dies ist sozusagen der Nachfolger meiner Lieblings-Colheita von 1996. Leider kann sie nicht ganz mit dem Vorgänger mithalten. Trotzdem ein schöner Wein, der sich mit einem satten Jodbraun zeigt, karamellige Nase, im Mund dann eine gute Süße-Säure-Balance mit Frucht, Karamell und einem süßen Toffee-Finish.
Justino’s 1996 Colheita
Dieser Wein war (und ist) für mich der endgültige Beweis, dass die Tinta Negra Mole mit den anderen Rebsorten mithalten kann. Die Farbe ist ein dunkles Jodbraun, die Nase ist üppig mit Nuss, Kaffee und Feigen bestückt. Am Gaumen zeigt sich eine ausgewogene Balance aus Süße und perfekt harmonierender Säure. Dazu kommen Toffee, Mandeln, Nüsse, etwas Kaffee. Das traubig-weinige Finish ist sehr lang und der Wein ist einfach herrlich angenehm zu trinken.
Und was gab es noch? Einige nette Leute habe ich auch noch getroffen. Vor allem aber viele andere Weine probiert. Einer der weiteren Höhepunkte für mich war das Tasting des Sherry-Informationsbüros, bei dem Autor Jürgen Deibel interessante und leckere Sherries vorstellte, unterstützt vom Sherry-Botschafter 2009, Jan Buhrmann. Sein Vorgänger Michael Recktenwald, Inhaber des Restaurants „Seekrug“ auf Langeoog (aus wiederholter eigener Erfahrung: sehr empfehlenswert!) war ebenfalls anwesend. Ansonsten lagen meine Schwerpunkte dieses Jahr bei Rieslingen aus der Pfalz und Champagner, beide ebenfalls sehr lohnend. Nächstes Jahr geht es wieder hin, ich hoffe sehr, dass ich mich dann mit einem bestimmten Portwein-Blogger und einem bestimmten Madeira-Sammler-Paar wieder treffen kann. Cheers!
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